„Wir haben den Enthusiasmus“

Um noch besser auf die Veränderungen in der Automobil- und Mobilitätsbranche reagieren zu können, hat TECOSIM seine Zuständigkeiten für alternative Antriebe und autonomes Fahren zentral gebündelt. Der neue Gesamtverantwortliche ist Mark Gevers. Die Redaktion sprach mit dem Elektroauto-Enthusiasten.

Herr Gevers, mit der Elektrifizierung, der digitalen Vernetzung, dem autonomen Fahren und neuen Mobilitätsdiensten wird sich die Automobilindustrie in den kommenden Jahren grundlegend verändern. Wie ist TECOSIM darauf vorbereitet?

Zunächst mal: den Begriff „Elektrifizierung“ mag ich nicht. Das hört sich so an, als gehe es um eine Konvertierung bestehender Produkte. Das Elektroauto muss man jedoch von Grund auf neu denken. So, wie wir es zusammen mit StreetScooter gemacht haben und es derzeit mit einigen Start-ups tun. Wir haben durch Projekte mit diesen neuen Playern und mit unseren langjährigen Partnern Erfahrung aufgebaut, wie man E-Autos verschiedenster Größe und Ausrichtung konzipiert und auslegt. Im Bereich der digitalen Vernetzung haben wir unter dem Dach unserer Holding mind venture AG das Start-up IoT Venture GmbH gegründet, das mit Produkten und Ideen im Internet der Dinge früh in neuen Märkten vertreten ist. Beim autonomen Fahren befassen wir uns mit der Simulation von Fahrszenarien auf Basis realer Gegebenheiten.

Mark Gevers, Director Business Development

Fast alle Automobilhersteller haben E-Fahrzeug-Modelloffensiven gestartet. Wie spiegelt sich dies in den Entwicklungsprojekten von TECOSIM wider?

Für diese Automobilhersteller betreuen wir nahezu ausschließlich Projekte mit batterieelektrischem Antrieb. Manche OEMs sind noch nicht so weit und bei der Auftragsvergabe zurückhaltend. Sie warten ab – ich frage mich jedoch worauf, da für mich die Technologie der Gegenwart und nahen Zukunft feststeht: der batterieelektrische Antrieb.

Was bedeutet die neue Welt der E-Mobilität konkret für TECOSIM?


Die Unterschiede in den klassischen Disziplinen Crash/Safety und Statik/Dynamik sind nicht groß. Bezüglich der Batterie sind zusätzliche Anforderungen zu berücksichtigen. Dafür ist das Design mit Blick auf klassische Frontcrashs einfacher zu erfüllen. Es gibt mehr Freiheiten. Um Ideen zu bewerten, ist CAE die richtige Methode.
Bei Statik/Dynamik treten die NVH- und Akustik-Anforderungen mehr in den Vordergrund. Wir werden uns insbesondere mit akustischen Phänomenen beschäftigen müssen. Dafür starten wir zusammen mit einer Klaviermanufaktur gerade ein Forschungsprojekt zur Bewertung von Klangqualitäten.
Ganz neu – für uns und auch für unsere Kunden – ist die virtuelle Betrachtung des Antriebsstrangs. Alles, was ich hierzu bisher auf Tagungen und in Veröffentlichungen gesehen habe, halte ich für unzureichend. Wir müssen in der Lage sein, den batterieelektrischen Antriebsstrang in seinem Verhalten vorherzusagen und auszulegen. Das gilt insbesondere für High-Performance-Produkte. CAE ist hier das Mittel der Wahl.

Wie unterstützt TECOSIM konkret seine Kunden bei der E-Fahrzeug-Entwicklung?

Wir haben Kompetenzen in der elektromagnetischen Simulation aufgebaut. Im Koppeln verschiedenster Disziplinen über Programmgrenzen hinweg waren wir schon immer führend. Damit erfassen wir ganzheitlich die mechanischen, elektromagnetischen, thermischen und akustischen Eigenschaften des BEV-Antriebsstrangs.
Unsere Erfahrung in der Gesamtfahrzeug-Auslegung nutzen wir auch für E-Fahrzeuge und arbeiten dabei mit verschiedenen neuen und etablierten Herstellern zusammen. Dadurch erhalten wir übergreifende Kenntnisse.

Crash-Simulation ist eine der Kernkompetenzen von TECOSIM. Mit welchem Know-how kann TECOSIM hier punkten?

Wir haben bei TECOSIM Erfahrungen mit mittlerweile mehr als zehn verschiedenen E-Auto-Plattformen und diversen Derivaten gesammelt. Dieses kundenübergreifende Know-how mit etablierten OEMs und Start-ups ist einzigartig. Einige Produkte sind schon auf der Straße, andere kommen in den nächsten Jahren.

Zoom Image

Welche Kundenprojekte hat TECOSIM im Bereich E-Mobilität darüber hinaus umgesetzt?

Unter anderem haben wir den Seitenaufprall des BMW i3 und den E-Antrieb des AMG SLS betreut sowie die Gesamtauslegung des StreetScooter Work verantwortet. Über laufende Projekte dürfen wir natürlich nicht sprechen. Unsere Zusammenarbeit mit e.GO ist jedoch bekannt, für das Unternehmen entwickeln wir unter anderem den E.GO Life.

Wie kann TECOSIM bei Entwicklungsprojekten für E-Fahrzeuge im Vergleich zu Wettbewerbern punkten?

Kompetenz können viele darstellen – wir haben zusätzlich noch den Enthusiasmus. Sehen Sie es mal so: Unsere Wettbewerber kommen mit einem großen, teuren Verbrenner zum Meeting. Ich komme elektrisch. Ich weiß, wovon ich spreche – nicht nur mit Blick auf die Entwicklung, sondern auch als Nutzer. Ich fahre seit fünf Jahren ausschließlich elektrisch – und das mittlerweile 200.000 km weit. Es gibt das eine oder andere Produkt, das so nicht auf den Markt gekommen wäre, wenn ich es hätte beeinflussen können. Diese Erfahrung mündet natürlich auch intern im Aufbau der Entwicklungskompetenz.

Herr Gevers, vielen Dank für das Gespräch!

TECOSIM: Virtuelle Crashoptimierung für e.GO Life

TECOSIM hat für den Stadtwagen E.GO Life unter anderem die crashoptimierte Karosserie entwickelt. Bild: E.GO Mobile AG